Jugendstil und feuchtes Holz: Ålesund & Bergen

Nordeuropa Norwegen Jugendstil und feuchtes Holz: Ålesund & Bergen

Vor zwei Wochen ist der Chilene auf der Suche nach Arbeit in Bergen angekommen. Seitdem hat es ohne Unterbrechung geregnet. Er ist irritiert und fragt in seinem gebrochenen Englisch ein norwegisches Kind: „Sag mal, ist das Wetter hier immer so schlecht?“ Darauf antwortet das Kind: „Ich weiß es nicht, ich bin ja erst 10 Jahre alt.“

Mit rund 250 Niederschlagstagen ist Bergen die regenreichste Großstadt Europas. Bevor wir dieses ehemalige deutsche Hansekontor erkunden, steht jedoch erst einmal unser außerplanmäßiger Halt in Ålesund an.

Jugendstil im großen Stil: Ålesund

„15 Fragen habe ich für die Tour vorbereitet. Für jede, die ihr nicht beantworten könnt, gibt’s nachher eine Portion Lebertran“ scherzt Guillermo. Der fließend Deutsch sprechende Peruaner ist unser heutiger Guide. Was ihn ausgerechnet nach Ålesund verschlagen hat finden wir zwar nicht heraus, er kennt sich jedoch bestens aus.

Die Deutschen haben einen guten Ruf in der Stadt, war es doch Kaiser Wilhelm II., der die Stadt nach dem großen Brand von 1904 massiv beim Wiederaufbau unterstützte. Er war ein großer Norwegenfan und verbrachte selbst mehrere Urlaube in Ålesund. Als er erfuhr, dass die Innenstadt nahezu vollständig niedergebrannt war, schickte er sofort Schiffe mit Hilfsgütern los. Medikamente, Lebensmittel und Baumaterialien finanzierte er aus seinem Privatvermögen. Noch heute führt ihm zu Ehren die Keiser Wilhelms gate (Straße) einmal quer durchs Zentrum.

Als 1905 mit dem Wiederaufbau begonnen wurde, gab es in Europa gerade einen architektonischen Trend: den Jugenstil. Daher wurde das komplette Zentrum Ålesunds – per Gesetz nur noch aus Stein – in diesem Baustil neu errichtet.

Bevor wir tiefer ins Zentrum eintauchen, starten wir unseren Tag jedoch mit einer Bootstour. An der norwegischen Küste gibt es ca. 50.000 Inseln und so verwundert es nicht, dass sich auch Ålesund über mehrere Eilande erstreckt. Wir umrunden zunächst das Zentrum auf der Insel Aspøya und machen einen kurzen Abstecher in den namensgebenden Ålesundet („Aal-Meerenge“), der zwischen Aspøya und dem Festland verläuft.

Danach fahren wir weiter zur Nachbarinsel Hessa, an deren Südspitze wir in den Borgundfjord abbiegen. Hier gibt es zahlreiche kleine Schären, die uns ein bisschen an unsere Kanadareise erinnern.

Zurück im Hafen starten wir zu Fuß mit Guillermo ins Zentrum. Er zeigt uns einige klassische Jugenstilelemente, die hier geschickt mit Wikingersymbolik verknüpft wurden. Nahezu an jedem Gebäude gibt es diese Ornamente. Teilweise erinnern die Gebäude sehr an Otto Wagners Architektur in Wien, nur dass sie hier viel zahlreicher sind. Während der etwa 1,5-stündigen Tour erfahren wir auch viel über das Leben in Norwegen, die drei offiziellen Landessprachen (Nynorsk, Bokmål und Sami) und die Geschichte des Landes.

Gegen 16:00 Uhr liefert uns Guillermo wieder beim Schiff ab. Sehr angetan von diesem unerwarteten Zwischenstopp gehen wir wieder an Bord und sehen unserem nächsten Ziel Bergen entgegen.

Ålesund - Panorama
Ålesund – Panorama

Feucht aber schön: Bergen

Früh am nächsten Morgen erreichen wir Norwegens zweitgrößte Stadt. Etwa 270.000 Menschen leben hier und nehmen das feuchte Klima mit Humor. Die eingangs geschilderte Geschichte ist nur eine von zahlreichen Anekdoten, die Iga, unser Guide für den heutigen Tag, erzählt. So auch die vom Traumjob in der Wetterstation. Man geht montags in die Arbeit, macht die Vorhersage für die Woche: „Montag-Sonntag: Regen“, geht wieder nach Hause und hat den Rest der Woche frei.

Vom Wetter mal abgesehen hat Bergen einiges zu bieten. Wir starten den Tag mit einer Stadtrundfahrt, auf der uns Iga zunächst einmal einen Überblick über die Highlights von Bergen gibt. Später werden wir dann noch Zeit haben, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Bergen war einmal die größte Holzstadt der Welt. Doch auch hier gab es zahlreiche Brände. Die Explosion eines Munitionsschiffes im Hafen während des zweiten Weltkriegs tat ihr Übriges, um den Bestand an Holzhäusern weiter zu reduzieren. Zwar wurde vieles originalgetreu wieder aufgebaut, heute ist der Bau neuer Holzhäuser aufgrund der Brandgefahr jedoch verboten.

Bergen - Stadtpanorama
Bergen – Stadtpanorama

Während der etwa 1,5-stündigen Fahrt erfahren wir auch wieder viel über Norwegen. Die Norweger können zum Beispiel überhaupt nicht verstehen, warum die Touristen so viele Trollfiguren als Mitbringsel kaufen. Trolle – an die hier fest geglaubt wird – sind schließlich dafür bekannt, Unglück zu bringen. Wann immer etwas schiefgeht oder schlecht läuft, hat bestimmt ein Troll seine Finger im Spiel. Bekommt eine Familie ein nicht besonders intelligentes oder nicht besonders ansehnliches Kind, hat vermutlich ein Troll heimlich das Kind vertauscht. Daher würde ein Norweger eine Trollfigur höchstens seinem schlimmsten Feind schenken.

Schließlich kommen wir beim Haus des berühmten Geigers Ole Bull an, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein absoluter Superstar in Norwegen war. Deshalb konnte er sich einen ausschweifenden Lebensstil und eine schicke Villa leisten. Hier steigen wir um in ein Boot und genießen eine weitere, sehr schöne Fahrt durch die norwegischen Fjorde.

Tyskebryggen: Eine deutsche Enklave in Norwegen

Wieder zurück im Stadtzentrum führt uns Iga in den historischen Stadtteil Bryggen. Um Bergen als zunehmend wichtigen Umschlagplatz von Waren aus dem nordeuropäischen Raum nicht anderen Organisationen zu überlassen, errichtete die Hanse hier Mitte des 14. Jahrhunderts eine Handelsniederlassung (Kontor). Dieses wurde von der Hansestadt Lübeck betrieben, weswegen sehr viele Deutsche hier ihr Glück versuchten. In den Hochzeiten der Hanse waren fast ein Viertel der Einwohner Bergens Deutsche („Tyske“). Auch damals gab es jedoch schon Angst vor „Überfremdung“, deswegen durften die Männer ihre Familien nicht mitbringen. Nun kann man sich vorstellen, wie es in einem ganzen Stadtviertel voller Männer – alles Seefahrer, Handwerker und einfache Kaufleute – zuging und welche Branchen in den umliegenden Stadtvierteln Hochkonjunktur hatten.

Hier endet die Tour und wir haben die Gelegenheit, die tollen Holzinnenhöfe und -gebäude in aller Ruhe zu besichtigen. Ein einziges Steingebäude gibt es, dieser Schøtstuene genannte Gemeinschaftsraum war der einzige beheizte Bau des Viertels.

Aussicht mit Musik: Der Fløyen

Vom sehr beeindruckenden Bryggen ist es nur ein kurzer Spaziergang zur Talstation der Fløibanen. Diese Standseilbahn bringt uns für 85 Kronen pro Person (NOK, ~ 9 EUR) auf den 320 Meter hohen Hausberg Fløyen. Von hier bietet sich uns eine gigantische Aussicht über Bergen und die umliegende Landschaft.

Während wir ein bisschen herumspazieren, entdecken wir einen interessanten Zaun, der mit einer besonderen Verzierung in Form von Musiknoten aufwartet. Als ich gerade das Motiv fotografiere, kommt eine Norwegerin auf uns zu und erklärt uns, dass die Noten der Anfang des „Bergenssangen“ sind. Sie summt uns auch die Melodie von Bergens inoffizieller Hymne vor, um uns einen Eindruck zu geben. Wie das Ganze klingt, seht ihr in unten eingefügter Aufnahme (nicht von mir).

Bergen - Fløyen
Bergen – Fløyen
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Bergens altes Zentrum

Wir fahren wieder hinunter und gehen ein kurzes Stück weiter in eines der wenigen noch sehr gut erhaltenen alten Holzviertel. Dicht an dicht scharen sich hier die weißen und bunten Holzhäuschen um schmale Pflasterstraßen. Kleine Cafés, Geschäfte und die Ruhe in den Gässchen schaffen eine sehr angenehme, heimelige Atmosphäre. Sehr angetan schlendern wir noch ein bisschen herum und machen uns dann auf den Weg zum Fischmarkt.

Der Fischmarkt befindet sich im Zentrum von Bergen, direkt an der großen Bucht Vågen. Hier verkaufen die Fischer an kleinen Ständen alles, was das Meer vor der norwegischen Küste zu bieten hat. Garnelen, Muscheln, Fisch aller Art und auch das umstrittene Walfleisch, das in Norwegen noch frei verkäuflich ist. Darüber hinaus gibt es frisch gepflückte Beeren, Marmeladen, Säfte, Honig und einen schönen Blick auf die Holzfront von Bryggen.

Bergen - Blick auf Bryggen
Bergen – Blick auf Bryggen

Auf dem Rückweg zum Schiff machen wir noch einen kurzen Abstecher in einen der ältesten Teile Bergens mit der Marienkirche und der Festung Bergenhus. Letztere diente der Verteidigung der Hafeneinfahrt. Zum Festungskomplex zählen auch der Rosenkrantzturm und die Håkonshallen, zwei der ältesten Gebäude Norwegens.

Schon ist der Tag in Bergen auch wieder vorbei, wir steigen ein letztes Mal ins Schiff und machen uns am Nachmittag auf den Weg in Richtung Deutschland. Bei der Hafenausfahrt geschieht dann etwas Unerwartetes: Nachdem das Wetter die letzten Tage ja eher mäßig war, kommt ausgerechnet in der regenreichsten Stadt Europas die Sonne hervor. So genießen wir noch ein paar letzte, schöne Blicke auf Norwegen, bevor wir uns auf die Heimreise begeben.

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Wolfgang
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Hallo, ich bin Wolfgang. Reisen und die Welt erkunden sind meine größten Leidenschaften. Da ich jedoch in Vollzeit arbeite, will ich die Zeit vor Ort so gut wie möglich nutzen - optimiert reisen eben. Darüber schreibe ich hier auf reiseblitz.com und freue mich, wenn du mich dabei begleitest!

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