Von Polen hatte ich bislang zugegebenermaßen keine richtige Vorstellung. Umso besser, dass mich eine dienstliche Konferenz für drei Tage nach Danzig führt. Die Stadt ist wirklich wunderschön und glücklicherweise habe ich vor der Tagung noch ein wenig Zeit, diese Perle an der Ostsee etwas näher zu erkunden. Außerdem kann ich im Anschluss noch an einer eigens für unsere Gruppe organisierte Stadttour teilnehmen und den Kurztrip noch mehr genießen.

Die Altstadt von Danzig

Das historische Zentrum von Danzig (polnisch: Gdańsk) wurde im zweiten Weltkrieg nahezu vollständig zerstört. Umso erfreulicher ist es, dass beim Wiederaufbau auf architektonische Prunkstücke der 50er- und 60er-Jahre verzichtet wurde. Vielmehr wurde die Altstadt originalgetreu wiederhergestellt. Das hat sich ausgezahlt, heute ist die ehemalige Hansestadt ein Besuchermagnet und im Standardtrepertoire nahezu jeder Ostseekreuzfahrt.

Und das vollkommen zurecht. Bei meinem ersten Erkundungsspaziergang am Sonntagmorgen bin ich nach jeder Ecke, um die ich biege, aufs Neue begeistert. Glücklicherweise liegt mein Hotel mitten in der Altstadt, sodass ich alles prima zu Fuß entdecken kann. So spaziere ich zunächst entlang des Motława-Flusses und genieße die herrliche Aussicht auf die Uferpromenade mit dem beeindruckenden Krantor, dem Wahrzeichen der Stadt. Mehrere Stadttore führen ins Zentrum, ich schreite durch das Grüne Tor und lande so direkt auf dem Długi Targ (Langer Markt), dem Hauptplatz der Stadt.

Ich kann mich kaum sattsehen an den wunderschönen bunten Häuserfassaden. Der Platz geht nahtlos in die ulica Długa (Lange Gasse) über. Insgesamt reihen sich also hier auf etwa 500 Meter schmale, zauberhafte Hansehäuser aneinander, bis das Langgassertor auf der anderen Seite diese tolle Szenerie abschließt.

Hinter dem Langgassertor erhebt sich der imposante ehemalige Gefängnisturm. Er beherbergt heute ein Bernsteinmuseum, dazu später mehr. Meine Veranstaltung ruft. Deshalb schlängle ich mich durch unzählige kleinere, mindestens genauso schöne Gässchen zurück zum Hotel. Dabei passiere ich noch die Marienkirche, eine der größten Backsteinkirchen der Welt, sowie das bunt geschmückte Zeughaus.

Bereits jetzt bin ich überzeugt und sehr begeistert von der Schönheit Danzigs. Ich freue mich daher, auf der geplanten Stadttour noch mehr zu erfahren.

Das Europäische Solidarność-Zentrum

Unsere größte Abendveranstaltung findet im Europejskie Centrum Solidarności (ECS) statt. Dieses architektonisch sehr interessante Gebäude beherbergt ein Museum und ist auch tagsüber einen Besuch wert. Vermutlich bin ich einfach zu jung, deshalb muss ich mich hier als Geschichtsbanause zu erkennen geben. Mir war nicht bewusst, dass in Danzig sozusagen der Grundstein für den Zerfall des Ostblocks gelegt wurde.

Maßgeblich hieran beteiligt war der Gewerkschaftsaktivist, Friedensnobelpreisträger und spätere polnische Präsident Lech Wałęsa, der auch heute noch hier sein Büro hat. Diese bewegte Geschichte hier auszuführen, würde den Rahmen sprengen. Wer sich dafür genauer interessiert, dem sei der Wikipedia-Artikel oder eben ein Besuch des sehr interessant aufbereiteten Museums empfohlen. Als besonderes Highlight haben unsere Gastgeber organisiert, dass sich Herr Wałęsa die Zeit nimmt, persönlich zu uns zu sprechen. Mit seinen 72 Jahren ist er politisch noch immer sehr aktiv und teilt seine Einschätzung des aktuellen politischen Weltgeschehens mit uns. Ein beeindruckender Mann.

Danzig – Welthauptstadt des Bernsteins

Bernstein spielt in Danzig eine wichtige Rolle. Dieser Schmuckstein entstand vor etwa 40-50 Millionen Jahren und ist nichts anderes als versteinertes Harz urzeitlicher Bäume. Während der letzten Eiszeit drückten Gletscher die bernsteinhaltigen Sedimentschichten in Richtung Süden. So ist das Material heute in einer breiten Schneise entlang der Ostseeküste und bis hinunter in die Ukraine reichhaltig vorhanden. Neben der industriellen Förderung aus tieferen Gesteinsschichten ist die Bernsteinsuche am Strand eine beliebte Aktivität, insbesondere bei Kindern und Touristen.

Auch wir erfahren mehr über das Material. Im Rahmen unserer Stadttour werden wir umfangreich in das Thema eingeführt. Wir beginnen mit dem bereits weiter oben erwähnten Bernsteinmuseum. Zahlreiche Exponate belegen, wie vielfältig das Material ist. Gelb, orange, cognacfarben, seltener bläulich oder sogar grün können die Steine sein. Das hängt ganz von den enthaltenen Einschlüssen ab. Je mehr Luftblasen, desto heller. Da das Harz jedoch ursprünglich flüssig war, enthält es nicht nur Luft- und Pflanzenpartikel. Auch Insekten und Spinnen wurden häufig von einem Tropfen überrascht und dadurch für die Ewigkeit konserviert. Gelegentlich erwischte es auch größere Tiere wie z. B. eine kleine Eidechse, die hier ebenfalls ausgestellt ist.

Nach der Theorie folgt nun die Praxis. Dazu werden wir an den nahegelegenen Stogi-Strand gebracht (wir hatten für die Gruppe einen Reisebus, als Einzelreisender kommt man jedoch auch mit der Straßenbahnlinie 8 direkt hin). Dort erwartet uns schon ein passionierter Bernsteinjäger, um uns seine große Passion näherzubringen. Besonders erfolgreich ist die Suche direkt nach einem Unwetter oder Sturm. Dann schwemmt die aufgewühlte Ostsee unzählige Partikel in Strandnähe. Ausgerüstet mit Anglerstiefeln und einem Kescher watet er im knietiefen Wasser und grast den Meeresgrund ab.

Da das Wetter schon länger gut ist, ist die Ausbeute heute gering. Einmal, so erzählt er, hat er aber einen kiloschweren Brocken aus dem Meer geholt, der ihm sogar internationale Presse eingebracht hat. Heute stellt er Schmuck aus den Fundstücken her und verkauft diesen auf lokalen Märkten. Ein bisschen was ist eigentlich immer zu holen, man braucht aber ein gutes Auge. Und in der Tat finden auch ein paar aus unserer Gruppe kleine Steine zwischen den Treibholzstückchen während wir am Strand entlanggehen.

Stogi-Strand in Danzig
Der Stogi-Strand in Danzig

Zuletzt fahren wir noch in eine Bernsteinwerkstatt in der Altstadt. Hier erfahren wir umfassend, wie das Material vom trüben und unregelmäßigen Rohzustand in den polierten Schmuck verwandelt wird. Rund um das Material ist in Gdańsk also eine große Industrie entstanden und Bernsteinschmuck ist eines der beliebtesten Souvenirs geworden.

Was gibt’s noch zu sehen?

Danzig ist auch die Heimat des Goldwassers. Dieser Gewürzlikör ist mit kleinen Blattgoldflocken angereichert. Warum das so ist, weiß heute keiner mehr so genau. Es ranken sich verschiedene Legenden um die Entstehung. Im Rahmen einer Verkostung kommen wir in den Genuss des Getränks, dessen Geschmack mich ein bisschen an Ouzo oder Sambuca erinnert.

Außerdem ist Danzig nicht allein. Zusammen mit der Hafenstadt Gdingen (Gdynia) und dem Ostseebad Zoppot (Sopot) bildet es die sogenannte Dreistadt (Trójmiasto). Mit etwas mehr Zeit könnt ihr diese beiden Nachbarn auch noch erkunden oder einen gemütlichen Strandtag genießen.

Abschließend stelle ich fest, dass mich Danzig absolut positiv überrascht hat. Wunderschön hergerichtet, köstliche regionale Spezialitäten (s. Restauranttipps) und das Meer gleich um die Ecke – hier lässt es sich aushalten!

Uferpromenade bei Nacht
Uferpromenade bei Nacht
In Danzigs Altstadt geht alles zu Fuß. Die Distanzen sind nicht groß und in viele Straßen dürfen Autos gar nicht einfahren. Zu den Stadtstränden fährt die Straßenbahnlinie 8. Innerhalb der Dreistadt empfiehlt sich entweder ein Mietwagen oder das Taxi.

Ein Taxi vom Flughafen in die Innenstadt kostet etwa 60 Złoty (PLN, ~ 14 EUR)
Tawerna Dominikańska
Targ Rybny 9
80-838 Gdańsk
www.tawernadominikanska.pl

Kleine Taverne direkt an der Uferpromenade mit preiswerten und sehr guten polnischen Spezialitäten.
Brovarnia Gdańsk
Ul. Szafarnia 9
80-755 Gdańsk
www.brovarnia.pl

Sehr gemütliches Brauhaus mit eigenen Bieren und guten lokalen Gerichten.
Gdański Bowke
ul. Długie Pobrzeże 11
80-888 Gdańsk
www.gdanskibowke.com

Uriges Beisl an der Uferpromenade. Wir haben dort nur das Goldwasser verkostet, zu den Speisen kann ich daher nichts sagen.
Q Hotel Grand Cru Gdańsk
ul. Rycerska 11-12
80-882 Gdańsk
www.qhotels.pl/de/grand-cru-gdansk

Gemütliches, modernes Hotel am Rand der Altstadt. Gutes Frühstück, gratis WLAN. Modernes Hotel gleich in der Nähe des Hauptbahnhofs und fußläufig zur Altstadt. Gutes Frühstück, gratis WLAN.
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