Nuno öffnet seine Jackentasche und holt behutsam sechs großkalibrige Patronen heraus. Eine nach der anderen verschwindet im Magazin seines Gewehrs. „Das müssen wir hier immer dabei haben, sobald wir das Stadtgebiet verlassen. Falls wir einem Eisbären begegnen.“, erklärt er. Anschließend verschwindet er kurz im Kofferraum, um seinen Rucksack umzupacken. Dann gehen wir los und bahnen uns unseren Weg durch die arktische Geröllwüste. Nach einiger Zeit stehen wir am Fuß der imposanten Endmoräne des Longyear-Gletschers. „Dort oben essen wir heute zu Mittag.“,  grinst Nuno und wir beginnen mit dem Aufstieg durch den knöcheltiefen Schnee, der hier, in einer Mulde an der Felswand, den ganzen Sommer überdauern wird. Der Aufstieg ist schweißtreibend, oben werden wir jedoch für unsere Mühen belohnt. Am Gipfel der Muräne angekommen bietet sich uns ein fantastischer Ausblick über das Longyeartal und die südlichen Ausläufer von Longyearbyen.

Wir sind auf Spitzbergen, der Hauptinsel des Svalbard-Archipels (Svalbard = „Kühle Küste“) auf 78° nördlicher Breite. Der Nordpol ist von hier nur noch etwa 1.000 km entfernt. Nuno, unser Guide für den heutigen Tag, stammt aus Portugal und lebt mit seiner Frau seit 3 Jahren ganzjährig hier auf Europas nördlichstem Außenposten. „Viele hauen im September wieder ab, wenn die Polarnacht kommt. Durchgängig leben in Longyearbyen etwa 2.000 Leute.“, sagt er. Die Siedlung wurde 1906 von John Munro Longyear gegründet. Der Amerikaner begann damit, die hier reichhaltig vorhandenen Kohlevorkommen abzubauen. Heute sind die Kohleflöze jedoch weitgehend erschöpft und der Bergbau ist nach Tourismus und Forschung nur noch der drittwichtigste Wirtschaftsfaktor der Insel.

Gleich am Hafen werden wir vom Team von Spitzbergen Adventures empfangen. Hier, am nördlichsten Punkt unserer Reise, wollten wir gerne individuell in einer kleinen Gruppe unterwegs sein. Außer uns sind nur vier weitere Gäste dabei, die sich alle als sehr nett herausstellen.

Bjørndalen: Das Tal der Eisbären

Dann holpern wir auch direkt los. Auf Spitzbergen gibt es gerade einmal 47 km Straße, davon sind nur 21 asphaltiert (die Straßen im Stadtzentrum eingerechnet). Über eine Schotterpiste fahren wir zunächst ein Stück nach Nordwest. Hier, in Bjørndalen („Bärental“), stehen ein paar Wochenendhäuser. Diese nutzen die Bewohner Longyearbyens, wenn sie mal dem “Trubel der Stadt” entfliehen wollen. Da unter der Woche meist keiner da ist, gelangen auf diesem Weg immer wieder einmal Eisbären in die Stadt. So kam das Tal zu seinem Namen. Etwa 3.000 der arktischen Raubtiere leben auf dem gesamten Archipel, meist jedoch sehr zurückgezogen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir heute auf einen treffen werden, ist also eher gering.

Hier, direkt am Fjord, wurden außerdem ein paar künstliche Inseln geschaffen. Auf diesen können Seevögel brüten, ohne den Polarfuchs fürchten zu müssen, der sonst gerne Eier oder Küken klaut. Wir machen Bekanntschaft mit der Küstenseeschwalbe, dem Zugvogel mit der weitesten Reisestrecke überhaupt. Im Sommer hält er sich hier auf Spitzbergen auf, den Winter verbringt er in der 15.000 km entfernten Antarktis. Nuno stellt ihn uns in Anlehnung an das erfolgreiche Spiel als den „true angry bird“ vor, da er sein Territorium sehr entschlossen verteidigt. Deshalb nähern wir uns ihm auch nur mit erhobener Gewehrspitze. Der Vogel greift nämlich immer den höchsten Punkt des Eindringlings an, da er dort den Kopf vermutet. Soweit kommt es jedoch nicht, nach einem Warnschrei des Männchens ziehen wir uns rechtzeitig zurück.

Gleich gegenüber befindet sich der Campingplatz für die hartgesottenen Urlauber. Üblicherweise ist er von Mai bis Oktober geöffnet. Durch die Sonnenfinsternis im März 2015, die hier besonders gut sichtbar war,  hatte er dieses Jahr jedoch schon früher geöffnet. So versuchten zahlreiche Besucher, bei -28° C ihre Zeltpflöcke in den tiefgefrorenen Permafrostboden zu treiben – zuweilen wohl ein recht erfolgloses Unterfangen.

Saatgut für die Ewigkeit

Unser nächster Halt ist der Global Seed Vault („Globaler Saatguttresor“). Hier lagert in 400 Metern Tiefe auf -18° C heruntergekühltes Saatgut. Über 4 Millionen Samen aus aller Welt sind hier konserviert. Jedes Land der Erde kann eine eigene Abteilung beantragen, um wichtiges Saatgut, z. B. für Nutzpflanzen, sicher zu verwahren. Im Falle eines Krieges oder einer Naturkatastrophe geht somit nichts verloren.

Ewiges Eis mit Spitzenaussicht: Der Longyear-Gletscher

Im Anschluss fahren wir zum bereits eingangs erwähnten Longyear-Gletscher im Hinterland. Beeindruckende Berge säumen den Eispanzer, der sich hier seinen Weg ins Tal sucht. Dabei legt er immer wieder Fossilien frei. Vor etwa 15-20 Millionen Jahren war Spitzbergen ein tropisches Dschungelparadies. Daher findet man hier recht häufig versteinerte Blätter, Muscheln oder Schnecken. Auch Steinkohle kommt immer wieder zutage, wenn sich das Eis durch die Erde schiebt.

Oben auf der Moräne angekommen, gibt es das versprochene Mittagessen. Nuno öffnet seinen Rucksack und holt mehrere viereckige, orangefarbene Packungen heraus. „Sucht euch eins aus.“, lädt er uns ein und wir schauen näher hin. Es handelt sich bei den Päckchen um Turmat, ein norwegisches Fertiggericht. Es besteht nur aus natürlichen, getrockneten Zutaten und wurde für den Outdoor-Einsatz entwickelt. Man gießt es mit heißem Wasser auf, lässt es ein paar Minuten ziehen und fertig ist das Mittagessen. Es gibt verschiedene Geschmacksrichtungen, ich entscheide mich für Rentiergulasch mit Preiselbeeren. Nach einer kurzen Wartezeit können wir probieren und sind positiv überrascht, es schmeckt richtig gut. Dazu gibt es Brombeertee und danach noch eine Tasse Anrührkaffee, bevor wir uns auf den Rückweg ins Tal machen.

Longyearbyen: Hauptstadt des Archipels

Nach unserer wunderbaren Gletscherwanderung zeigt uns Nuno das Zentrum von Longyearbyen. Die Stadt ist auch das Verwaltungszentrum des Svalbard-Archipels, zu dem außer der Inselgruppe rund um Spitzbergen auch die arktische Insel Jan Mayen und die Bäreninsel gehören.

Das gesamte Gebiet steht heute unter norwegischer Verwaltung, der Spitzbergenvertrag von 1921 regelt jedoch, dass allen Unterzeichnerstaaten freier Zugang zur wirtschaftlichen Nutzung der Inseln offensteht. So gibt es mit Barentsburg auch eine russische Siedlung im Westen der Insel. Sonst ist aktuell kein Staat hier aktiv.

Longyearbyen hingegen ist mittlerweile norwegisch und die Regierung hat in der Vergangenheit viel dafür getan, aus der ehemaligen reinen Bergarbeitersiedlung eine richtige Stadt zu machen. Heute gibt es hier Kindergärten, eine Schule und ein Universitätszentrum. Außerdem ein Kino, ein Einkaufszentrum und seit etwa einem halben Jahr sogar ganzjährig einen Zahnarzt. Der Wohnungsbau hat sich ebenfalls gewandelt, es werden auch hier die typischen bunten Holzhäuschen errichtet. Zwei Dinge darf man auf Spitzbergen jedoch nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt: Geboren werden und sterben. Auf solche Fälle ist das kleine Krankenhaus hier nicht ausgelegt. Schwangere Frauen und schwerkranke Einwohner werden üblicherweise nach Tromsø ausgeflogen. Seine Rente will auf Spitzbergen ohnehin kaum jemand verbringen, das Durchschnittsalter liegt in der Stadt bei gerade mal 28 Jahren.

Zuletzt besuchen wir noch die Kirche mit dem angeschlossenen Gemeindezentrum, das allen Religionen offensteht. Nebenan gibt es sogar einen kleinen Friedhof. Hier wurde aber seit den 60er Jahren niemand mehr beerdigt, da man in den tiefgefrorenen Boden nur schwer ein Grab geschaufelt bekommt. Selbst wenn man es dann geschafft hat, sorgt der Permafrost dafür, dass der Sarg langsam aber sicher wieder an die Erdoberfläche wandert. Gleichzeitig wird der Tote bei den Minusgraden optimal konserviert, sodass es hier wohl schon zu ein paar schaurigen Wiederbegegnungen kam. Letztendlich wurden Beerdigungen auf Spitzbergen deshalb ganz verboten.

Schlittenhunde, Kohleminen und weite Blicke

Der letzte Teil der Tour führt uns nach Osten aus der Stadt hinaus. Nach dem obligatorischen Fotostopp an einem der Eisbärenwarnschilder rumpeln wir über einen Schotterstraße bis zu einer der Husky-Farmen. Von hier kannst du auch im Sommer auf beräderten Schlitten zu Touren aufbrechen. Wir begnügen uns jedoch damit, die sehr zutraulichen Tiere zu beobachten und zu streicheln.

Im Anschluss fahren wir weiter zur Mine 7, eine der wenigen noch aktiven Kohleminen. Von hier oben haben wir eine gigantische Sicht über das Adventdalen („Adventstal“) in Richtung der spitzen Berge, die der Insel ihren Namen gaben.

Zutiefst beeindruckt kehren wir zurück zum Schiff, verabschieden uns von unserem tollen Guide Nuno und sind uns alle einig: Spitzbergen ist eine Reise unbedingt wert!

Bei der Hafenausfahrt genießen wir dann noch fantastische Blicke über den Isfjord („Eisfjord“) und die Gletscher rundherum. Ein wunderbarer Tag auf Spitzbergen geht zu Ende und wir machen uns von diesem fantastischen Reiseziel auf den Weg zum knapp 1.000 km weiter südlich gelegenen Nordkap.

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