Kayamandi: Ein eindrücklicher Besuch in der Township


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Zuletzt aktualisiert: 06/04/2024
Ein Besuch in der Township Kayamandi ist ein bewegendes Erlebnis. Bei einer Tour mit einem ehemaligen Bewohner lernst du viel über das Leben dort.

Ukuhamba Kukubona – Reisen öffnet ein Fenster zur Welt, sagen die Xhosa. So schön das Reisen in ferne Länder ist, so wichtig finden wir es, uns vor Ort auch mit den Gegebenheiten abseits der Touristenströme zu beschäftigen. In Südafrika sind die Unterschiede besonders drastisch. Auf der einen Seite die herausgeputzten, schicken Kolonialhäuschen und Strandvillen – hauptsächlich im Besitz der weißen Bevölkerung. Auf der anderen Seite die Townships wie Kayamandi, in denen ein Großteil der schwarzen und farbigen (ein weißer und ein schwarzer Elternteil) Bevölkerung lebt. Um Political-Incorrectness-Vorwürfen vorzubeugen: Diese Bezeichnungen für die Hautfarben stammen von unserem Guide Madiba, weswegen wir sie hier genau so verwenden.

Madiba ist 63 Jahre alt und stammt aus der Eastern-Cape-Region. Er hat selbst viele Jahre in Kayamandi gelebt, dann aber den Absprung geschafft. Zu Fuß wird er uns heute durch die Township führen, um uns einen Einblick in das Leben der Leute dort zu geben.

Willkommen in Kayamandi

Wamkelekile – In großen Lettern prangt diese Begrüßung an einer Häuserwand. Sie bedeutet “Willkommen” auf Xhosa, der meistgesprochenen Sprache der Siedlung. Etwa 40.000 Menschen leben geschätzt hier, so ganz genau weiß das aber niemand. Kayamandi heißt übersetzt soviel wie “Schönes Zuhause”. Entstanden ist das Viertel zu Zeiten der Apartheid. Damals wurde die schwarze Bevölkerung als minderwertig angesehen und daher in Ghettos am Stadtrand zwangsumgesiedelt. Mit den Folgen kämpfen die Leute bis heute. Obwohl die Zeit der Apartheid lange vorbei ist und rein rechtlich eine Gleichstellung aller Volksgruppen hergestellt wurde, so interessiert sich die weiße Minderheit häufig relativ wenig für das Schicksal der Schwarzen.

Und so leben diese hier in Wellblech- oder Holzhütten, ausgestattet mit dem Nötigsten und oftmals ohne große Perspektive. Dennoch begrüßt uns jeder sehr herzlich und ist interessiert, wer wir sind und woher wir kommen. In den schmalen Gassen der Township herrscht reges Treiben. Frauen schleppen große Wassereimer zum zentralen Frischwasserreservoir, ein Mann hackt mit der Handharke Unkraut aus den Ritzen seines Hauses und ein paar Kinder spielen Fußball mit einem Bündel aus zusammengewickelten Plastikbeuteln. Um die Ecke feuern ein paar Jungs ihren Favoriten beim Kampf „Regenwurm gegen Küchenschabe“ an und eine Gruppe Mädchen hat sich aus alten Schnüren ein Gummitwist gebastelt.

Umqombothi: Eine lokale Spezialität

Hinter ein paar Hütten wird eine lokale Spezialität gebraut: Das Umqombothi-Bier (das q entspricht einem Klicklaut in der Xhosa-Sprache). Maismehl, Maismalz, Sorghummalz und Wasser sind die Zutaten. Die Maische wird in einer großen Tonne gekocht und ähnelt optisch einem Porridge. Später wird das Gebräu dann filtriert und gehört mit rund 2,5 Prozent Alkohol zu den leichteren Vertretern seiner Art. Es ist jedoch so bekannt, dass es sogar ein eigenes Lied hat.

Im nahegelegenen „Pub“ haben wir die Möglichkeit, zu kosten. Große Blechdosen ersetzen die Gläser und so nehmen wir einen Schluck. Der Geschmack erinnert an eine Mischung aus einem dicken Weißbier und Buttermilch. So richtig warm werden wir damit nicht, deswegen reichen wir die Dose nach zwei Schlucken weiter.

Wir gehen weiter und eine kleine Gruppe neugieriger Kinder folgt uns auf Schritt und Tritt. So oft sehen sie hier keine hellhäutigen Besucher, die sich kleine schwarze Kisten mit einem Bildschirm vors Gesicht halten. Wir wollen ihre Persönlichkeitsrechte nicht verletzten, daher verzichten wir auf Fotos von ihnen. Per Handschlag verabschieden sie sich von uns und wuseln wieder in die kleinen Gassen zwischen den Hütten.

Kayamandi: Definitiv kein Leben im Überfluss

Wir erreichen eine der zentralen Wasch- und Hygienestellen. Die Wellblechhütten verfügen weder über einen Wasseranschluss noch über eine Toilette. Wäsche waschen und sonstige Bedürfnisse müssen also hier erledigt werden. Etwa 40 bis 50 Familien teilen sich eine Toilettenzelle, zwischen den Kabinen kann die frisch gewaschene Wäsche zum Trocknen aufgehängt werden.

Insgesamt müssen die Menschen hier mit wenig auskommen. Wenigstens zahlen sie für ihre Hütten keine Grundsteuer und die Wasserversorgung sowie 60 Einheiten Elektrizität im Monat (entspricht in etwa dem Tagesverbrauch eines europäischen Haushalts) sind kostenfrei. Dann hat man aber noch nichts gegessen oder für die Kinder gesorgt. Die Gesundheitsversorgung ist nur für unter siebenjährige und schwangere Frauen kostenfrei. Ein Kindergartenplatz kostet um die 120 Rand (knapp 6 Euro) pro Kind und Monat. Dort bekommen die Kinder dann aber auch drei Mahlzeiten und Unterricht, was die Eltern deutlich entlastet.

Hart verdientes Brot

Geld verdienen ist jedoch nicht so einfach. Jeder hat irgendetwas zu verkaufen, man hilft sich gegenseitig aus. Teilweise können die Männer als Farmhelfer arbeiten. Dann verdienen sie etwa 600 Rand (rund 30 Euro) im Monat. Wer keinen Job findet, erhält keinerlei Unterstützung vom Staat. Daher rutschen viele in die Kriminalität ab, insbesondere Drogenhandel. Auch sonst ist die Regierung nicht besonders hilfreich. Formell ist der Bürgermeister von Stellenbosch zwar auch für Kayamandi zuständig. Einheimische Weiße hat man hier aber lange nicht gesehen.

Dann stehen wir im kargen Gemeinschaftsraums eines sogenannten Hostels – einer Unterkunft für Männer, die aus dem Umland zum Arbeiten kommen. Früher waren hier 148 Menschen in einem großen Schlafsaal untergebracht. Heute gibt es mit einigen Mehrbettzimmern zumindest etwas mehr Privatsphäre. Einer der Bewohner freut sich, uns zu begrüßen. Er würde sich wünschen, dass mehr Weiße zu Besuch kämen und sich für das Leben in den Townships interessieren. Er hat die große Hoffnung, dass dadurch die noch immer stark präsenten Vorurteile gegenüber der schwarzen Bevölkerung abgebaut werden könnten. Noch heute halten offenbar viele Weiße die Leute aus den Townships rein aufgrund ihrer Hautfarbe für böse.

Helfende Hände sind immer Willkommen

Zum Glück gibt es Menschen wie Madiba, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, auf die Situation aufmerksam zu machen. Wir kommen zu einem der Kindergärten der Township und treffen eine Gruppe europäischer Jugendlicher. Aus Frankreich, Italien und der Schweiz sind sie als Freiwillige hier und streichen gerade den Kindergarten neu. Die Einrichtung finanziert sich hauptsächlich aus Geld- und Essensspenden von Touristen bzw. lokalen Supermarktketten. Sieben Lehrer arbeiten hier, zum Teil ehrenamtlich. Unter ihnen ist auch Madibas Frau. Bildung ist die einzige Chance, irgendwann den Absprung aus der Township zu schaffen.

Nach etwa zwei Stunden sind wir zurück bei unserem Kleinbus. Madiba verabschiedet sich herzlich von uns und dankt uns für den Besuch. Dann lassen wir Kayamandi hinter uns und fahren zurück nach Stellenbosch zu unserem komfortablen Guesthouse mit Pool und Klimaanlage.

Einmal mehr werden wir mit voller Härte darauf gestoßen, wie unglaublich privilegiert wir Europäer sind. Selten hat uns ein Besuch so sehr bewegt und uns gezeigt, wie entsetzlich ungerechtfertigt jegliche Jammerei aus unserer europäischen Warte ist. Einen von Einheimischen geführten Besuch in einer Township solltest du bei einer Südafrikareise aus unserer Sicht also unbedingt einplanen!

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