„Bist du zum ersten Mal in Montenegro?“ fragt mich Dijana. Ich bejahe dies. „Dann musst du gleich eines wissen: Das hier ist Podgorica. Das ist nicht Montenegro. Du musst unbedingt auch in die Berge oder ans Meer fahren!“ Das lässt meine sehr kurzfristig anberaumte Dienstreise leider nicht zu. Daher schaffe ich diesmal nur einen Rundgang durch Montenegros kleine Hauptstadt.

Montenegro, oder Crna Gora in der Landessprache, ist ein kleines Land. Knapp 650.000 Menschen leben hier, das entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Frankfurt am Main. Montenegro ist auch ein sehr junges Land. Erst vor 10 Jahren erlangte es zum zweiten Mal die Unabhängigkeit. Diesmal von Serbien, mit dem es nach dem Ersten Weltkrieg Teil von Jugoslawien geworden war. Bis zur ersten Unabhängigkeit 1878 gehörte das Land lange Zeit zum Osmanischen Reich, was sich in der Bebauung bis heute zeigt.

Schon beim Landeanflug auf Podgorica bekomme ich einen ersten Eindruck, was die Natur Montenegros hergibt. In seiner ganzen Pracht breitet sich der Skutarisee, die natürliche Grenze zu Albanien, vor dem Flugzeugfenster aus. Bei der Taxifahrt ins Zentrum sorgen geschwungene grüne Hügel, kleine Häuschen und Zypressenhaine für ein toskanisches Flair.

Skutarisee im Landeanflug
Der beeindruckende Skutarisee im Landeanflug

Nach etwa 15 Minuten Fahrt setzt mich der Fahrer am Hotel ab und ich genieße zunächst einmal den herrlichen Blick aus meinem Zimmer. Gesäumt von viel Grün schlängelt sich die leuchtend blaue Morača vor der Altstadt vorbei.

Blick aus dem Hotelzimmer
Blick aus dem Hotelzimmer

Nun bin ich schon neugierig auf mehr und starte meinen Rundgang. Ich quere den Fluss und steige einige Stufen hinab ins Areal der mittelalterlichen Ribnica-Festung. Viel ist nicht mehr übrig, nur noch ansatzweise sind ein paar Mauern und Türme zu erkennen. Sehr gut erhalten ist hingegen eine kleine Brücke über den Nebenfluss Ribnica. Schon seit der Römerzeit kann man den Fluss hier queren. Der aktuelle Bau stammt jedoch aus dem 18. Jahrhundert und ist ein beliebter Ort bei frisch Verliebten. Und das obwohl man an den Steinen gar kein Vorhängeschloss anbringen kann. 😉

Stara Varoš: Die Altstadt von Podgorica

Auf der anderen Flussseite tauche ich nun tiefer in den ältesten Teil Podgoricas ein: Die Altstadt Stara Varoš. Dieses Viertel stammt noch aus osmanischer Zeit, wurde jedoch im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. So reihen sich heute viele kleine, nach dem Krieg schnell erbaute Häuschen in den engen Gassen aneinander und geben größtenteils ein eher trostloses Bild ab.

Altstadt von Podgorica
Stara Varoš – Die Altstadt von Podgorica

Im Herzen des Viertels steht die Osmanagić-Moschee, die ursprünglich aus dem 18. Jahrhundert stammt. Auch sie fiel jedoch dem massiven Bombardement zum Opfer und wurde erst Ender der 90er wieder aufgebaut.

Osmanagić-Moschee in Podgorica
Die Osmanagić-Moschee

Ich schlendere weiter durch die Gassen und stoße nach einiger Zeit wieder auf das moderne Podgorica. Hier, an der Kralja Nikole, mündet die Altstadt im Trg Vojvode Bećir Bega Osmanagića. Fast ein wenig anachronistisch wacht der 16 Meter hohen Sahat Kula über den Platz. Dieser Uhrturm ist eines der wenigen Gebäude aus osmanischer Zeit, das den Krieg überdauert hat. Seit 1667 steht er hier, völlig unbeeindruckt von den Entwicklungen um ihn herum. Direkt nebenan rasen die Autos über die vierspurige Ausfallstraße und gegenüber erheben sich die schmucklosen Zweckbauten eines Geschäftsviertels.

Sahat Kula in Podgorica
Der Uhrturm Sahat Kula

Das moderne Podgorica

Ich gehe weiter Richtung Norden und überquere erneut die Ribnica. In wenigen Wochen stehen die Feierlichkeiten zur 10-jährigen Unabhängigkeit des Landes an. Deshalb wird schon fleißig dekoriert und unzählige Nationalflaggen schmücken die Straße.

Flaggen in den Straßen von Podgorica
Zum 10. Jahrestag der Unabhängigkeit werden alle Straßen geschmückt

Eigentlich möchte ich nun ins neue Zentrum der Stadt. Wegen einer Demonstration ist dieser Teil Podgoricas jedoch weiträumig abgesperrt. Ich finde nicht heraus, warum demonstriert wird, möchte aber auch nicht ins Getümmel geraten. Daher folge ich der Hauptstraße zurück zur Morača. Durch einen kleinen Park komme ich zur Gazela-Fußgängerbrücke. Von hier aus habe ich einen tollen Blick auf die Millennium-Brücke, das neue Wahrzeichen Podgoricas, und die dahinterliegenden Berge. Crna Gora bzw. Montenegro heißt übersetzt „Schwarzer Berg“ und gerade bei dem diesigen Wetter heute erschließt sich mir schnell, wo dieser Name herkommt.

Millennium-Brücke in Podgorica
Die Millennium-Brücke – das neue Wahrzeichen Podgoricas

Auch auf der anderen Flussseite bestehen die Stadtviertel hauptsächlich aus schnell errichteten Nachkriegsbauten. Eine Schule rechts, ein etwas größerer Supermarkt links – ein klassisches Zweckviertel. Im Supermarkt übrigens sehr praktisch: Man kann in Euro bezahlen.

Nach der Unabhängigkeit hatte Montenegro der Einfachheit halber die in Jugoslawien schon länger als Parallelwährung genutzte Deutsche Mark zum gesetzlichen Zahlungsmittel erkoren. Im Zuge der Umstellung auf den Euro führte das Land 2002 die neue Einheitswährung einfach einseitig mit ein. Bislang hat die Europäische Zentralbank dies auch stillschweigend geduldet. Da Montenegro mittlerweile auch ein EU-Beitrittskandidat ist, wird sich dieses Thema über kurz oder lang wohl ohnehin in Wohlgefallen auflösen.

Das orthodoxe Zentrum Montenegros

Am westlichen Ende der Innenstadt erreiche ich schließlich die Auferstehungskathedrale (Saborni Hram Hristovog Vaskrsenja). Sie ist die größte orthodoxe Kirche Montenegros und das Hauptgotteshaus der serbisch-orthodoxen Gemeinde. Schon von außen beeindruckt sie. Zahlreiche kleine Erker, die typische runde Kuppel und goldenen Kreuze schmücken das Gebäude.

Auferstehungskathedrale in Podgorica
Die Auferstehungskathedrale

Der Innenraum ist nicht minder beeindruckend. Gold und üppige Fresken, wohin man schaut. Da die Kirche erst 2013 fertiggestellt wurde, werden in den Bildern auch zeitgenössische Themen aufgegriffen. So zeigt ein Fresko die Hölle, in der sich unter anderem Karl Marx, Friedrich Engels und der jugoslawische Diktator Josip Broz Tito aufhalten.

Der prunkvolle Innenraum der Auferstehungskathedrale
Der prunkvolle Innenraum der Auferstehungskathedrale

Shopping und eine königliche Villa

Entlang des George-Washington-Boulevards (Bulevar Džordža Vašingtona) gehe ich Richtung Süden bis zum Platz des Heiligen Petar (Trg Svetog Petra Cetinjskog). Der Bischof setzte sich im späten 18. Jahrhundert sehr für den Frieden zwischen zwei montenegrinischen Volksgruppen ein und war ein starker Unterstützer der Loslösung vom Osmanischen Reich. Ihm zu Ehren steht hier eine massive Statue. Gleich dahinter befindet sich die Universität von Montenegro.

Statue des Heiligen Petar
Statue des Heiligen Petar, im Hintergrund die Universität

Auf der anderen Seite des Platzes erhebt sich „The Capital Plaza“, ein modernes Einkaufszentrum. Neben zahlreichen Restaurants befindet sich hier auch ein Hard Rock Café. Das riesige Center wirkt hier fast ein bisschen deplatziert und ist wohl ein Versuch, zu den Metropolen dieser Welt aufzuschließen.

Hard Rock Café in Podgorica
Das unverkennbare Logo gibt’s auch in Podgorica

Der letzte Stop auf meinem Weg zurück ins Hotel ist der Petrović-Park. Hier steht die Winterresidenz des ersten und einzigen Königs Montenegros Nikola I. Petrović. Er regierte das Land bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Heute beherbergt die Villa ein Kunstmuseum.

Rakija und andere Spezialitäten

Am Abend gibt es dann noch ein erstes Kennenlernen mit meinen Geschäftspartnern bei einem Dinner. Die montenegrinische Küche ist genauso vielfältig wie das Land selbst. Räucherschinken und sehr deftige Würste aus den Bergen, gegrillte Calamari und frischer Fisch von der Küste – die Bandbreite bietet für jeden Geschmack etwas.

Hier werde ich auch in montenegrinische Bräuche eingeführt. Schon vor dem Essen gibt es erst einmal einen Rakija, das Nationalgetränk. Dieser Obstbrand wird üblicherweise aus Trauben hergestellt, bei Bedarf kann aber auch jedes andere Obst verwendet werden. Entsprechend ähnelt der Geschmack einem Grappa, nur nicht ganz so scharf. Nahezu jede montenegrische Familie produziert den Schnaps entweder selbst oder bezieht ihn über Freunde und Verwandte vom Land. Ihm werden allerlei positive Wirkungen nachgesagt. Vor dem Essen trinkt man ihn, um den Magen zu öffnen. Und da man auf einem Bein schlecht steht, gibt es gleich noch einen zweiten hinterher. Gut, dass ich gleich danach eine schön fettige Käsebratwurst mit Pommes Frites bekomme …

Ich bin von Montenegro jedenfalls angetan. Die mit 190.000 Einwohnern mit Abstand größte Stadt Podgorica ist zwar nicht unbedingt schön im klassischen Sinne, aber sie hat doch ein paar nette Ecken. Darüber hinaus sind die Menschen hier sehr offen, gastfreundlich und unheimlich stolz auf ihr kleines Land.

Bei meinem nächsten Besuch werde ich also definitiv mehr Zeit einplanen, um auch die wunderbare Landschaft abseits der Hauptstadt näher kennenzulernen!

  • Strecke: ca. 5,5 km
  • Gehzeit: ca. 1,5 Stunden
Ein Taxi vom Flughafen in die Innenstadt kostet etwa 8 EUR.

Das kleine Zentrum habe ich komplett zu Fuß erkundet. Alternativ gibt es auch ein Busnetz und Taxis. Die Montenegriner selbst fahren die meisten Strecken mit dem eigenen Auto.
Hemera
Njegoševa 17
81000 Podgorica
www.hotelhemera.com

Modernes Restaurant im Boutiquehotel Hemera mit sehr guten lokalen Speisen.
Maša Pub (Maшa Pub)
Bulevar Svetog Petra Cetinjskog 153
81000 Podgorica
www.masapub.me

Im Pub-Stil gehaltenes Restaurant in der Innenstadt mit guten lokalen Gerichten.
Hotel Podgorica
Bulevar Svetog Petra Cetinjskog
81000 Podgorica
www.hotelpodgorica.co.me/en/

Ungewöhnlicher Bau aus Flusssteinen. Ruhige Lage direkt am Fluss mit toller Aussicht. Gutes Frühstück, gratis WLAN.
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6 Kommentare

  1. Wieder ein bischen Neuland durch den tollen Bericht kennengelernt. Wir freuen uns schon auf den nächsten Beitrag.
    Liebe Grüße!
    Birgit&Wolfgang

  2. Hallo Wolfgang,
    ein sehr interessanter Beitrag. Über die kleinen Ländern aus dem ehemaligen Jugoslawien weiß ich so gut wie gar nichts und über Montenegro noch weniger (wenn überhaupt möglich). Ich lerne aber immer gerne dazu und dein Bericht liest sich sehr schön. Vielleicht komme ich irgendwann auch auf die Idee, das Land mal zu besuchen.
    Viele Grüße
    Maria

    • Hallo Maria,
      vielen Dank! Genau das (kaum bzw. kein Wissen) war der Grund, warum auch ich so neugierig auf Montenegro war. Ich glaube, dass das Land auch abseits von Podgorica echt richtig viel zu bieten hat.
      Warst du denn schon einmal im ehemaligen Jugoslawien? Falls nicht, kann ich für den Einstieg auch Slowenien oder Kroatien wärmstens empfehlen, beide Länder haben mich sehr begeistert (zu Slowenien geht demnächst auch ein neuer Beitrag online)!
      Viele Grüße
      Wolfgang

  3. Danke für den interessanten Beitrag. Bislang war ich leider nur in Polen, Tschechien und Ungarn, aber besonders die kleinen Länder in Osteuropa interessieren mich auch sehr. Auf den Fotos sieht Podgorica sehr dörflich aus, kaum glauben, dass dort 190.000 Menschen wohnen. Viele Grüße, Mario

    • Hallo Mario,
      gerne! Polen, Tschechien und Ungarn sind aber auch sehr interessante Ziele, die mir sehr gut gefallen haben. Tatsächlich gibt es in Podgorica auch noch das modernere Zentrum, in das ich aber wegen der Demonstration nicht hineinkam. Dort ist es dann schon etwas großstädtischer. Insgesamt gebe ich dir aber recht, ich war auch überrascht, wie dörflich die Stadt über weite Teile daherkommt.
      Viele Grüße
      Wolfgang

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