Windhoek: Ein Tag in Namibias windiger Ecke

Afrika Namibia Windhoek: Ein Tag in Namibias windiger Ecke

Plötzlich wird die Fahrt auf dem Pad noch holpriger als zuvor und das Auto fängt leicht zu schlingern an. „Irgendwas stimmt nicht“, meint unser Guide Butz. „Ich muss mal die Reifen überprüfen.“ Wir fahren links ran und steigen kurz darauf alle aus. Ein Reifen ist platt, deswegen muss Butz das Auto aufbocken. Er hat immer zwei Ersatzräder dabei, auf den Schotterpisten ist eine Reifenpanne schnell passiert. Und tatsächlich, noch während er den einen Reifen wechselt, sieht er, dass auf der anderen Seite der innere Doppelreifen ebenfalls hinüber ist.

Der Reifenwechsel dauert also etwas länger. Daher nutzen wir die Zeit, uns ein wenig umzusehen. Wir befinden uns aktuell irgendwo im Nirgendwo. Nach unserem fantastischen Tag in der Namibwüste sind wir nun auf dem Weg in die Hauptstadt Windhoek. Die Landschaft ist noch immer relativ karg. Es hat lange nicht geregnet, verantwortlich für die schwere Dürre ist das Klimaphänomen El Niño.

„Weiter geht’s!“ ruft Butz und baut den Wagenheber ab. Alle packen mit an und verstauen das Material, damit wir schnell weiterkönnen. 160 Kilometer sind es noch bis Windhoek, wo wir am frühen Nachmittag ankommen.

Windhoek: Namibias kleine Hauptstadt

Windhoek ist Afrikaans für „windige Ecke“. Mit rund 400.000 Einwohnern ist Windhoek nicht nur die Hauptstadt, sondern mit weitem Abstand auch die größte Stadt Namibias. Hier befinden sich der wichtigste Flughafen des Landes und die meisten politischen Einrichtungen.

Außerdem ist Windhoek die zentrale Anlaufstelle für rund 20.000 Deutschnamibier, die im ganzen Land verteilt leben. Sie sind Nachfahren der deutschen Kolonialherren und haben heute noch Deutsch als Muttersprache. Windhoek ist ihr soziales Zentrum. Ein Karneval mit Prinzenball, Umzug und Büttenabend oder ein Oktoberfest mit Fassanstich und Maßkrugstemmen – deutsche Bräuche werden auch hier weitergeführt. Über all das berichtet die Allgemeine Zeitung, die einzige deutschsprachige Tageszeitung des Landes.

Sehenswertes hat die Stadt jedoch in eher überschaubarem Maß zu bieten. Wir spazieren eine knappe halbe Stunde durchs Zentrum, um uns einen Eindruck zu verschaffen. Kurz nach der Kolonialisierung Namibias erbauten die Deutschen hier die Alte Feste zur Kontrolle der umliegenden Völker. Diese Festung steht heute noch, wegen Baufälligkeit ist aber nur noch der Innenhof zugänglich.

Alte Feste Windhoek
Die Alte Feste in Windhoek.

Dort ist noch ein Teil eines Reiterdenkmals zu sehen. Ursprünglich wachte der bronzene Schutztruppler über den Vorplatz der Feste, wurde dann aber mehrmals umgezogen und abgebaut. Irgendwann konnte man sich nicht mehr einigen, wohin das Denkmal nun kommen soll. Seitdem steht der Reiter im Festungshof und harrt seines Schicksals.

Reiterdenkmal in Windhoek
Von seinem Podest entthront steht der Schutztruppler im Hinterhof der Feste herum.

Direkt nebenan wurde das Unabhängigkeits-Gedenkmuseum errichtet. Es informiert nicht nur über Namibias steinigen Weg zur Unabhängigkeit, sondern ist auch ziemlich hässlich.

Unabhängigkeitsmuseum in Windhoek
Das bezaubernde Unabhängigkeitsmuseum.

Einige Schritte weiter stehen die hübsche kleine evangelische Christuskirche und gleich um die Ecke ein paar windige Straßenverkäufer, die uns Souvenirs andrehen wollen. Das war zwar vermutlich nicht die ursprüngliche Idee hinter dem Namen Windhoek, zutreffend ist er hier aber dennoch.

Die Christuskirche in Windhoek, dahinter das besonders hübsche Unabhängigkeitsmuseum.
Die Christuskirche in Windhoek, dahinter das Unabhängigkeitsmuseum.

Abgerundet wird das Zentrum durch den Tintenpalast, Namibias Parlamentsgebäude. Eingebettet in einen schönen Garten werden hier zahlreiche Dokumente und Gesetze unterzeichnet, daher der Name.

Tintenpalast in Windhoek
Der Tintenpalast ist der Sitz des namibischen Parlaments.

Der Oshetu-Markt: Buntes Treiben in der Township

Unsere nächste Station führt uns wieder in eine Township. Katutura heißt sie, das ist Otjiherero für „der Ort, an dem wir nicht leben wollen“. Dennoch ist das Viertel Heimat für über 60.000 Menschen und beherbergt auch den Oshetu-Markt, in dem vor allem die Einheimischen einkaufen gehen. Hier gibt es alles. Essen, Trinken, Kleidung, Fernseher, Nagelstudios, Friseure, Näherinnen und noch vieles mehr.

Gleich zu Beginn erwartet uns eine besondere Spezialität: Geröstete Mopane-Raupe. Es bedarf Überwindung, hineinzubeißen. Schließlich tue ich es doch, hätte es mir aber auch sparen können. Besonders schmackhaft ist die Raupe nicht.

Geröstete Snacks in Windhoek
Verschiedene geröstete Snacks. In der roten Dose in der Mitte liegen die Mopane-Raupen

Wir schlendern weiter und kommen in die „Fleischabteilung“. Hier werden geschlachtete Kühe an Ort und Stelle zerlegt und eine Standreihe weiter kommen sie direkt auf den Grill. Wir probieren auch hier und zusammen mit dem bereitstehenden Gewürzpulver schmecken die Rinderstreifen richtig gut.

Grundsätzlich verwerten die Leute hier alles. Am nächsten Stand sehen wir Schuhe aus Antilopen- und Zebraleder, die Sohlen entstehen aus alten Autoreifen.

Schuhe auf dem Markt in Windhoek
Alles wird verwertet und zu etwas Neuem gemacht.

Außerdem sehen wir noch einer Näherin zu und erhalten einen Einblick in die traditionelle Bekleidung der Oshiwambo. Die Leute sind uns gegenüber sehr aufgeschlossen, ein schönes Erlebnis.

Bekleidungsgeschäft in Windhoek
Die Näherinnen verdienen ihr Geld mit Schuluniformen (unten) und traditioneller Kleidung (oben)

Einmal mehr beschleicht mich ein ungutes Gefühl, als wir Katutura verlassen und zurück in unser schönes Guest House mit Pool fahren. Die soziale Ungleichheit ist in Namibia noch lange nicht gelöst. Davon zeugen auch die Häuser der Mittel- und Oberschicht, die fast alle mit hohen Mauern, Stacheldraht und Stromzäunen ausgestattet sind.

Schutzmauer im Guest House in Windhoek
Die Terrasse in unserem Guest House mit Überkletterschutz und Elektrozaun

Nächster Halt: Windhoek Hauptbahnhof

Am nächsten Morgen fahren wir noch zum alten Bahnhof von Windhoek. Die Deutschen erbauten ihn vor über 100 Jahren und er ist auch heute noch hübsch anzusehen.

Hauptbahnhof in Windhoek
Der Hauptbahnhof Windhoek ist über 100 Jahre alt.

Hier verkehren immer noch Züge. Der Fahrplan ist allerdings nicht mit einer in Europa üblichen Taktung zu vergleichen. Entsprechend sieht auch die Abfahrtstafel ein wenig anders aus.

Eisenbahnfreunde werden hier ebenfalls glücklich. Auf dem Bahnhofsvorplatz stehen zahlreiche alte Lokomotiven aus verschiedenen Perioden und im Bahnhofsgebäude gibt es ein kleines Museum zur Geschichte der TransNamib Railway.

Klein und verfressen: Termiten

Dann lassen wir die Stadt auch schon wieder hinter uns und setzen unsere Reise in Richtung Norden fort. Gute 50 Kilometer südlich von Windhoek haben wir den Südlichen Wendekreis passiert. Wir befinden uns nun also offiziell in den Tropen. Das macht sich insbesondere in der Vegetation bemerkbar. Immer dichter werden die Büsche und Sträucher hier in der Region Otjozondjupa. Auch die ersten Tropenbewohner entdecken wir schnell, ihre Behausungen sind kaum zu übersehen: Termiten. Ein Termitenhügel bietet teilweise mehreren Millionen Tieren Platz. Entsprechend muss hier in größeren Dimensionen gearbeitet werden. Was macht der Mensch in diesem Fall? Er baut ein Hochhaus. Genau so handhaben das auch die Termiten und errichten sich bis zu acht Meter hohe Türme.

Die kleinen Tierchen sind unglaublich gefräßig. Zu ihren Lieblingsspeisen gehört Holz aller Art. Es gibt aber auch Arten, die tief in ihrem Bau Pilze züchten. In beiden Fällen benutzen sie jedoch meist totes, herumliegendes Altholz. Wenn nicht als Nahrung, dann als eine Art Rindenmulch. Somit leisten Termiten einen wichtigen Beitrag zum Umweltkreislauf.

Termite auf Holz
Fleißig fressen die kleinen Termiten (links oben) altes Holz auf.

Am frühen Abend erreichen wir unsere Lodge. Von hier sind es nur noch wenige Kilometer bis zu unserem nächsten großen Highlight, dem Etosha-Nationalpark. Einen kleinen Vorgeschmack bekommen wir schon heute. Direkt neben der Straße gönnen sich zwei Giraffen in der untergehenden Sonne ein paar köstliche Baumwipfel.

Giraffen in Kunene
Zwei Giraffen essen zu Abend.

Am Abend sitzen wir gemütlich ums Lagerfeuer in der Lodge und lauschen einer Band aus dem Ort, die afrikanische und internationale Hits zum Besten gibt.

Etosha Safari Camp
Selbst gebaute Möbel am Lagerfeuer im Etosha Safari Camp. Später gibt es hier noch Musik und Tanz.

Wieder geht ein toller Tag in Namibia zu Ende. Windhoek selbst eignet sich zwar bestenfalls für einen kurzen Zwischenstopp, die Landschaft außen herum ist jedoch einmal mehr faszinierend. Nun freuen wir uns schon sehr, morgen so richtig in Afrikas Tierwelt einzutauchen!

  • Strecke: ca. 715 km
  • Gesamtzeit: ca. 2 Tage
  • Fahrzeit: ca. 8 Stunden
Wie eigentlich immer in Namibia ist auch hier das Auto die einzige wirkliche Alternative.
Londiningi Guest House
11 Winterberg Street
Eros
Windhoek
www.londiningi.com

Unsere Unterkunft, das Londiningi Guest House, bietet auch sehr gutes Abendessen an.
Londiningi Guest House
11 Winterberg Street
Eros
Windhoek
www.londiningi.com

Schönes Guest House im Stadtteil Eros, ca. 10 Autominuten vom Zentrum entfernt. Parkplätze direkt im Hof, gutes Frühstück, gratis WLAN.
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2 Kommentare

  1. Hey Wolfgang,
    finde deinen Beitrag super! Meistens wird bei Namibia „nur“ über die Naturschönheiten berichtet, fast nie findet Windhoek Beachtung. Vielen Dank für deine Eindrücke!
    Liebe Grüße
    Chrissy

    • Hi Chrissy,
      vielen Dank, ich freu‘ mich, dass dir der Beitrag gefällt! Ich finde, bei einer gründlichen Reiseberichterstattung gebührt allen besuchten Zielen Beachtung. Tatsächlich habe ich auch nicht allzu viele Blogposts zu Windhoek gefunden. Also wollte ich selbst etwas zum Thema beitragen. :)

      Liebe Grüße aus Prag
      Wolfgang

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