Wisst ihr, was Derwische sind? Oder wo die Republika Srpska liegt? Oder wie es klingt, wenn der Muezzin in einem mittelalterlichen Bergdorf zum Gebet ruft? Nein? Dann wollen wir euch diese Fragen gerne beantworten. Im letzten Bericht über Bosnien und Herzegowina haben wir euch Sarajevo und Mostar vorgestellt. Dieses Mal sehen wir uns in der Herzegowina und der Republika Srpska um.

Das Derwischkloster Blagaj an der Bunaquelle

Eines der Highlights der Herzegowina ist sicherlich das 20 Kilometer außerhalb von Mostar gelegene Derwischkloster Blagaj (Blagaj Tekke). Eingeschmiegt in eine Nische in der ansonsten senkrecht empor ragenden Felswand liegt es da. Direkt daneben tritt aus einer Höhle der Buna-Fluss an die Oberfläche. 43.000 Liter Wasser spuckt die Quelle pro Sekunde aus, das macht sie zu einer der stärksten in Europa. Heute ist es vermutlich mehr, da es in den letzten Tagen viel geregnet hat. Das führt dazu, dass die Gastgärten der kleinen Restaurants und Cafés am Ufer nur sehr eingeschränkt nutzbar sind.

Überschwemmte Restaurantterrassen in Blagaj, Bosnien und Herzegowina
Wegen Überflutung geschlossen.

Lasst euch bei der Anfahrt nicht irritieren. Gleich oben bei der Zufahrt zum Kloster kassiert ein Parkwächter die Parkgebühr von 4 KM (ca. 2 EUR). Fahrt aber nicht auf einen der oberen Parkplätze, sondern folgt der Straße ganz nach unten bis es nicht mehr weitergeht. Direkt vor dem Kloster gibt es auch ein paar Parkplätze. Hätte uns der nette Parkwächter das nicht wild gestikulierend verständlich gemacht, wären wir unnötig lange zu Fuß gegangen.

Die Derwische von Blagaj: Einfaches Leben in Top-Lage

Für weitere 4 KM könnt ihr ins Kloster hinein, um dort mehr über die Lebensweise der Derwische zu erfahren. Die Derwische oder auch Sufis sind ein muslimischer Mönchsorden. Sie leben in Askese, verzichten also auf allen Besitz. Entsprechend spartanisch ist die Einrichtung des Klosters. Jedem Mönch steht eine kleine Steinzelle zu. Zum Schlafen gibt es einen Teppich, die Toilette ist eine kleine Steinnische. Es gibt ein Gemeinschaftsbad, einen Speisesaal, einen Gebetsraum und sonst nichts.

Derwisch-Kloster in Blagaj, Bosnien und Herzegowina
Wenn man schon spartanisch leben muss, kann man sich wenigstens etwas Aussicht gönnen.

Deutlich prächtiger ist hingegen der Weg auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses. Er reicht bis fast direkt an die Quelle heran und ermöglicht einen tollen Blick auf das Kloster. Allerdings ist er etwas versteckt zu finden. Ihr müsst über die Brücke hinter die Restaurantzeile gehen. Dort führt ein Weg zunächst auf einen kleinen Hügel mit einem schönen Blick über die Klosteranlage.

Derwisch-Kloster in Blagaj, Bosnien und Herzegowina
Von der anderen Flussseite sieht das Kloster auch sehr schön aus.

Von dort gelangt ihr dann bis ganz nach vorne zur Quelle. 10 Grad kalt ist das Wasser, wenn es aus dem Felsen kommt. Die Badesachen könnt ihr also getrost im Auto lassen.

Derwisch-Kloster in Blagaj, Bosnien und Herzegowina
Das leuchtend weiße Kloster wacht über die Quelle der Buna.

Insgesamt ein Ausflug, der sich auf jeden Fall lohnt! Sehr angetan fahren wir weiter in Richtung Süden. Unterwegs passieren wir eine historische Burg. Herzegowina bedeutet in etwa „Land des Herzogs“. Bevor die Osmanen übernahmen, hatte der Herrscher der Herzegowina hier seinen Hauptsitz.

Burg in Blagaj, Bosnien und Herzegowina
Hoch oben über Blagaj thront die Burg des Herzogs, der der Herzegowina ihren Namen gab.

Počitelj: Ein Dorf mit Aussicht

Knapp 25 Kilometer weiter südwestlich liegt Počitelj. Die Geschichte des kleinen Bergdorfs reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Zwar wurde die Altstadt im Bosnienkrieg schwer verwüstet, danach allerdings originalgetreu restauriert.

Aussicht auf Počitelj, Bosnien und Herzegowina
Der Aufstieg bis zur Burg ist nicht unanstrengend.

Das erlaubt es heute wieder, durch die kleinen mittelalterlich Gässchen zu spazieren. Allerdings solltet ihr etwas Kondition mitbringen, der Aufstieg ist ziemlich schweißtreibend.

Gässchen in Počitelj, Bosnien und Herzegowina
Durch die mittelalterlichen Gässchen geht es steil den Berg hinauf.

Oben angekommen werdet ihr dafür mit einem unvergleichlichen Ausblick über das Neretva-Tal belohnt. Die große Moschee, der Uhrturm, die Zitadelle auf dem anderen Bergkamm, dazwischen die wilden Granatapfelbäume – das hat wahrlich Flair.

Aussicht in Počitelj, Bosnien und Herzegowina
Von der Burg bietet sich uns ein fantastischer Blick über Počitelj und die Neretva.

Als wir gerade am höchsten Punkt des Dorfs angekommen sind, ertönt aus der Moschee der Gebetsruf des Muezzins. Eingebettet in diese fantastische Kulisse ein echtes Gänsehauterlebnis!

Begeistert schlendern wir durch die Gassen wieder hinunter zum Parkplatz. Počitelj solltet ihr auf einer Tour durch die Herzegowina keinesfalls verpassen!

Hamam in Počitelj, Bosnien und Herzegowina
Das alte Hamam von Počitelj

Die Wasserfälle von Kravica

Der letzte Stop unserer Runde durch die Herzegowina sind die Kravica-Wasserfälle gut 20 Kilometer westlich von Počitelj. Am Parkplatz angekommen stellen wir aber fest, dass es von hier noch ein gutes Stück Fußweg bis ganz hinunter zu den Fällen ist. Alternativ bringt euch ein kleiner Zug auf Rädern ans Ziel. Allerdings wollen wir heute noch bis nach Sarajevo zurückfahren. Außerdem haben wir gerade erst im Juli die beeindruckenden Victoria-Fälle in Afrika gesehen. Deswegen beschließen wir, uns mit dem Blick von oben zu begnügen (der auch schon sehr schön ist).

Kravica-Wasserfälle in Bosnien und Herzegowina
Die Kravica-Wasserfälle von oben betrachtet.

Wir wollen Sarajevo vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Darum machen wir uns am frühen Nachmittag auf den Rückweg. Etwa 170 Kilometer sind es von Kravica, gut drei Stunden Fahrt. Erneut fahren wir durch den wunderbaren Neretva-Canyon und genießen die Aussicht, bevor wir am frühen Abend Sarajevo erreichen.

Neretva-Canyon in Bosnien und Herzegowina
Beeindruckende Felsformationen im Neretva-Canyon

Ein Abstecher in die Republika Srpska

Nach dem Ende des Kriegs wollte man den verschiedenen Volksgruppen in Bosnien und Herzegowina gerecht werden. Daher besteht der Staat auch heute noch aus zwei weitestgehend autonomen Landesteilen. Bislang haben wir uns nur in der Föderation Bosnien und Herzegowina aufgehalten, in der hauptsächlich Bosniaken und bosnische Kroaten beheimatet sind.

Auf der anderen Seite gibt es die Republika Srpska, die von den bosnischen Serben bewohnt wird. Formell ist Sarajevo die Hauptstadt beider Landesteile. Somit liegt der Osten der Stadt bereits in der Republika Srpska. Einen Grenzposten gibt es jedoch nicht. Nur ein Schild weist darauf hin, dass wir von der einen in die andere Entität wechseln.

Straßenschild Republika Srpska, Bosnien und Herzegowina
Nur ein Schild weist daraufhin, dass wir die inländische Grenze überfahren.

Der einzige auf den ersten Blick offensichtliche Unterschied ist die Straßenbeschilderung. In der Föderation Bosnien und Herzegowina steht die Beschriftung zuerst in lateinischer und darunter in kyrillischer Schrift. In der Republika Srpska ist es genau andersherum. Nicht direkt ersichtlich ist der religiöse Unterschied. Die Föderation ist mehrheitlich katholisch oder muslimisch, die Republika hingegen mehrheitlich serbisch-orthodox. Das Verhältnis zwischen den beiden Landesteilen ist nicht immer einfach. Man hat sich aber miteinander arrangiert und lebt friedlich nebeneinander.

Ein Mahnmal an dunkle Zeiten

Die Grenze zwischen beiden Entitäten verläuft entlang der ehemaligen Frontlinie aus dem Bosnienkrieg. Gleich hinter Sarajevos Flughafen gibt es noch einen Zeitzeugen, der aus dieser dunklen Epoche berichtet. Gut 70 Jahre lang war Bosnien und Herzegowina ein Teil von Jugoslawien. Der Zerfall des Vielvölkerstaats ab 1991 führte zu einer Serie von grausamen Unabhängigkeitskriegen. Diese kosteten über 100.000 Menschen das Leben und zwangen Millionen von Menschen zur Flucht. In Bosnien und Herzegowina tobten die Kämpfe von 1992-1995. Gegen Ende des Krieges war Sarajevo von serbischen Truppen komplett eingekesselt. Einzig der Flughafen war als neutrales Gebiet deklariert und somit nicht besetzt. Also grub sich die Bevölkerung mit großen Strapazen unter der Start- und Landebahn hindurch, um eine Verbindung zu den nicht besetzten Vororten herzustellen. Dieser 800 Meter lange Tunnel sicherte die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln und Munition und war somit vermutlich kriegsentscheidend. Noch heute steht ein Teil des unterirdischen Gangs zur Besichtigung offen.

Eingang zum Sarajevo-Tunnel, Bosnien und Herzegowina
Unter diesem Gebäude verbirgt sich der Eingang zum Sarajevo-Tunnel. Die Kriegsspuren sind noch gut zu sehen

Da wir jedoch ein Flugzeug erwischen müssen, sehen wir uns nur etwas im Eingangsbereich um. Das genügt vollkommen, um einen Eindruck vom Grauen dieser Zeit zu bekommen. Glücklicherweise herrscht nun seit über 20 Jahren Frieden in der Region. Das ermöglicht es Reisenden, die Schönheit des Landes zu erkunden. Die Leute freuen sich sehr über Besucher aus dem Ausland und sind stolz darauf, was ihr kleines Land seitdem erreicht hat.

Eines ist uns nach dieser Reise absolut klar: Bosnien und Herzegowina ist ein völlig unterschätztes Reiseziel! Tolle Landschaften, schöne und interessante historische Orte, köstliches Essen und unglaublich aufgeschlossene, herzliche Menschen. Dazu noch ein für uns sehr günstiges Preisniveau – es gibt absolut nichts, was gegen einen Besuch spricht. Also ab damit auf die Bucket List!

Auf Wiedersehen Bosnien und Herzegowina. Du hast uns sehr gut gefallen!

Unser besonderer Dank gilt dem Team vom Fortuna Lufthansa City Center, das uns bei der Planung und Organisation der Reise sehr großzügig unterstützt hat! – Hvala puno Fortuna Tours for your generous support in organising this trip!

Runde durch die Herzegowina ab/bis Mostar:
  • Strecke: ca. 100 km
  • Fahrzeit: gute 2 Stunden
  • Gesamtzeit: etwa 1 Tag
Mostar-Sarajevo
  • Strecke: ca. 130 km
  • Fahrzeit: ca. 2,5 Stunden
Abstecher von Sarajevo in die Republika Srpska und zum Sarajevo-Tunnel
  • Strecke: ca. 12 km
  • Fahrzeit: ca. 30 Minuten
Für die Rundfahrt durch die Herzegowina nehmt ihr am besten einen Mietwagen. Die meisten Quellen im Internet raten, in Bosnien und Herzegowina sehr defensiv zu fahren. Wir haben die Autofahrer insgesamt als recht vernünftig erlebt. Aufgrund des Zustands mancher Nebenstraßen ist es jedoch empfehlenswert, nicht bei Nacht zu fahren.
Ćevabdžinica Željo
Kundurdžiluk 19
71000 Sarajevo

Kleines Lokal mit ausgezeichneten Ćevapčići direkt in der Altstadt. Nur Barzahlung (akzeptiert BAM und EUR).
The 4 Rooms of Mrs. Safija
(4 Sobe Gospodje Safije)
Čekaluša 61
71000 Sarajevo
www.sarajevo-restaurant.com

Sehr schönes Lokal mit moderner bosnisch-herzegowinischer Küche. Nicht direkt im Zentrum, nehmt am besten ein Taxi (das ihr euch vom Hotel/Restaurant bestellen lasst).
Del Rio
Kardinala Stepinca 12
88000 Mostar
city-hotel.ba

Schönes Restaurant mit guter bosnisch-herzegowinischer und europäischer Küche. Gratis WLAN.
Restoran Radobolja
Ul. Kraljice Katarine 11A
88000 Mostar
www.radobolja.ba

Gemütliches Restaurant mit guter bosnisch-herzegowinischer Küche.
Hotel President
Bazardžani 1
71000 Sarajevo
hotelpresident.ba

Schönes, modernes Hotel direkt am Eingang zur Altstadt. Parken gegen Gebühr in der Tiefgarage, gratis WLAN. Das Frühstück ist zwar inklusive, hat uns allerdings nicht überzeugt.
Hotel Villa Fortuna
Rade Bitange 34
88000 Mostar
www.villafortuna.ba

Sehr gemütliches Bed & Breakfast, nur fünf Fußminuten von der Altstadt entfernt. Parkplätze direkt vorm Haus. Sehr gutes Frühstück, gratis WLAN.

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4 Kommentare

  1. Voll schön! Ich werde deine Reiseroute in meine Sommerroute einplanen 🙂 dann können wir vergleichen. Sieht echt wunderschön und unberührt aus!
    Lg Lucia

    • Vielen Dank, das freut mich. ☺️ Da bin ich jetzt schon gespannt, was du zu berichten haben wirst. Wenn du Fragen hast, immer her damit. ????
      Lg
      Wolfgang

  2. Lieber Wolfgang,
    es gelingt dir wieder einmal, uns in Erstaunen zu versetzen. Ein herrliches Land!
    GlG Birgit und Wolfgang

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